Virtueller Schutzengel für den Schulweg

Sicher zur Schule dank Verkehrs-KI. Im Interview erklärt Wieland Alge von Swarm Analytics, wie mit Videodatenanalyse besonders gefährliche Verkehrspunkte wie Zebrastreifen entschärft werden können.

Herr Alge, was macht Schutzwege wie Zebrastreifen, insbesondere für den Schulweg so gefährlich?

Zebrastreifen funktionieren, wenn sie gut gebaut sind. Also mit mehrfacher Beschilderung, gut einsehbar, gut beleuchtet. Aber das sind sie oft nicht und dann entsteht ein falsches Sicherheitsgefühl, das vermehrt zu kritischen Situationen führt.

Helfen Blinksignale?

Jein, denn leider gibt es den sogenannten "Routineeffekt". Wenn die Anlage immer warnt, und fünfmal sind keine Fußgänger:innen da, ignorieren Autofahrende gerne die Warnungen.

Welche Möglichkeiten gibt es, einen Zebrastreifen sicherer zu machen?

Wichtig ist, herauszufinden, wo Maßnahmen sinnvoll sind. Eine einfache Erhebung mit guten Daten hilft einzuordnen, ob und wie gefährlich bestimmte Zebrastreifen sind. Wir setzen hier auf die kameragestützte Verkehrsanalyse. Ein System besteht aus ein bis zwei Kameras, die an neuralgischen Punkten installiert werden. Die Videodaten werden in Echtzeit vor Ort mithilfe künstlicher Intelligenz verarbeitet und in Information übersetzt. Wichtig ist dabei: Videodaten werden nicht gespeichert. Es geht nur darum, zu erkennen, ob eine Person auf dem Zebrastreifen ist, aber nicht wer das ist. Gesteuert wird das System über ein cloudbasiertes Dashboard mit vorgefertigten Überwachungsroutinen und individuellen „Wenn-Dann“-Analyseregeln. Das Analysesystem erkennt Regelverstöße. Kommen die öfter vor, kann man aufgrund belastbarer Daten Maßnahmen ergreifen und deren Erfolg auch kontrollieren. Beispielsweise Blitzer aufstellen, 30er-Zonen angehen, aus einem Zebrastreifen eine Ampelanlage machen oder auch ein intelligentes Lichtsignal installieren, das dank Wenn-Dann-Überwachungsroutinen nur anspringt, wenn Kfz und Fußgänger:innen auch tatsächlich zusammentreffen könnten.

Bisher sind Verkehrsverstöße an Gefahrenpunkten ohne manuelle Überwachung - etwa durch die Verkehrspolizei - kaum aufzudecken. Ein automatisiertes Überwachungssystem (hier im Bild eine Verkehrskamera und eine Verarbeitungseinheit) kann die Sicherheit erhöhen.
Detaillierte Daten wie Fahrzeugklassen, Personen, Geschwindigkeiten und Fahrtrichtungen sind Grundlage für die Gefahrenanalyse und damit für eventuelle Sicherheitsmaßnahmen.

Wäre dann auch eine Art "Blitzer" für Zebrastreifenraser:innen möglich?

Absolut. Da ist das System etwas komplexer, da rechtssicheres Beweismaterial festgehalten werden muss, etwa Fotos der Kennzeichen. Dieser Aufwand rechnet sich bei vielbefahrenen Straßen aber sehr schnell. Schon allein das Heranfahren an eine Überquerungshilfe mit „nicht mäßiger Geschwindigkeit“, wie es im Bußgeldkatalog heißt, wird mit 80 Euro und einem Punkt in Flensburg geahndet.

Gibt es schon Gemeinden, die solche Systeme einsetzen?

Tatsächlich wurden bisher die Systeme vornehmlich zur Verkehrsdatenerhebung und Mobilitätssteuerung eingesetzt. Die österreichische Gemeinde Lustenau nutzt die kameragestützte Verkehrsanalyse beispielsweise, um verkehrsberuhigende Maßnahmen wie Tempo-20-Zonen zu testen und Maßnahmen zu entwickeln, den massiven Kfz-Durchgangsverkehr aus der Innenstadt herauszuhalten und den Fahrradanteil zu vergrößern. Dabei kommen zunehmend der Fußverkehr und seine Bedürfnisse in den Fokus und Kommunen unterschiedlichster Größe wollen nun Fußgänger:innen nicht nur zählen, sondern gezielt schützen.

Was kostet ein solches System?

Die Kosten für ein einfaches Analyse-System liegen bei rund 2.000 Euro einmalig und 600 Euro jährlich. Ein „Blitzer-Ersatz“ liegt bei 10.000 Euro einmalig und 2.000 Euro jährlich. Kein Vergleich zu Radargeräten. Wobei der eigentliche Gewinn die erhöhte Sicherheit ist, denn überwachte Gefährdungsstellen sprechen sich rasend schnell herum, das Fahrverhalten wird fast blitzartig umgestellt.

Dieses Interview erschien in der Printausgabe der KOMMUNALtopinform, Ausgabe 3 | 2022 von September.

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